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Kurzporträt: Katharina Gerwens

Katharina Gerwens, geboren 1952 in Epe/Westfalen, verbrachte ihre Kindheit auf dem Dorf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Lektorin und Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Kater in München und schrieb gemeinsam mit Herbert Schröger die Niederbayern-Krimis »Stille Post in Kleinöd«, »Die Gurkenflieger von Kleinöd« sowie »Anpfiff in Kleinöd«

Warum ich schreibe

Auszüge aus einem Artikel des Bürgerbuch Gronau und Epe 2007/2008

„Schreiben ist ein einsames Geschäft und ein anstrengendes. Je leichter sich etwas liest, um so schwerer ist manchmal daran gearbeitet worden.

Das ist das, was ich erfahren habe.

s_kg-homeIch bin nicht der Typ, dem Sätze zufliegen – was mir zufliegt, sind Geschichten. Als Kind habe ich manchmal mit einer Freundin gespielt. Wir wollten damals Fernsehansagerinnen werden – ein Beruf, den es heute leider gar nicht mehr gibt. Wir setzen uns abwechselnd hinter ein Pult, vor uns lag die aufgeschlagene Programmzeitschrift, wir sahen freundlich und verbindlich auf imaginäre Zuschauer hinunter, begrüßten diese zum heutigen Abend im Ersten und lasen vor, was zu erwarten war. „Nach der Tagesschau zeigen wir Ihnen den Spielfilm Soundso.“ Meine Freundin Christine reagierte oft verunsichert und ungehalten, weil ich nicht einfach vom Blatt ablas, sondern Bemerkungen und Kommentare einflocht, die dort gar nicht standen. Aber ich wollte meine fiktiven Zuschauer unbedingt neugierig machen. Dass da „Tagesschau“ stand, hätte ja jeder selbst lesen können, ich als Ansagerin gab der ganzen Sache deshalb noch einen zusätzlichen Kick und verkündete mit geheimnisvollem Augenaufschlag die absoluten Top-News: „In der Tagesschau zeigen wir Ihnen übrigens erstmals die vor wenigen Stunden in Epe eingetroffenen Marsbewohner, die sich glücklicherweise als außerordentlich freundlich erweisen und im Amtsvenn einen Landeplatz für zukünftige Besuche einrichten wollen.“

Vielleicht war das der Anfang. Möglicherweise begann aber alles auch schon viel, viel früher.

In meinem ersten Schulzeugnis stand: „Sie könnte die beste Schülerin sein, aber sie träumt zu viel.“ Für Träume und Fantasie gab es damals, um 1958 nämlich, kaum Platz. Man war mit dem Aufbau und der Errichtung des Wirtschaftswunderlandes beschäftigt und sicher auch damit, einen Teil der jüngsten Vergangenheit zu verdrängen. Es wurde wenig geredet und viel gearbeitet. Informationen wurden ausgetauscht, aber keine Befindlichkeiten. Jedem ging es gut. Auf die Frage: „Wie geht es dir?“ hätte sich niemand zu sagen getraut: „geht so“ oder „nicht so gut.“ Und ich bin mir sicher: wenn jemand zu einer dieser beiden Formulierungen gegriffen hätte, er wäre nicht gehört worden. Denn für ungute Gefühle gab es keinen Raum. Es war geradezu verpönt, so etwas zu sagen.

Es war nicht gestattet, Sehnsucht zu haben. Dankbarkeit war angesagt für alle, die noch einmal davongekommen waren.

Und mittendrin stand ich dann als kleines Mädchen mit meiner großen Sehnsucht nach Geschichten.

Die Autorin mit dem Kater der Kommissarin

Es konnte nicht ausbleiben, dass ich mir meine Realität aus den Gesprächsfetzen der Erwachsenen zusammengesucht und nach eigenem Gutdünken zu Geschichten verdichtet habe, die gar nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten, dafür aber sicher aufregender und schöner waren als diese. Worte waren gefallen, die ich noch nicht zuordnen konnte und die mir auch niemand erklären würde, etwa „Verhältnis“, „Schwangerschaft“, „untreu“, „Josefsehe“ und dergleichen. Stundenlang konnte ich in meinem Zimmer sitzen und mich mit erdachten Freundinnen und meinen Puppen über diese Begriffe austauschen, die ich natürlich nach eigenem Gutdünken deutete. Meine erdachten Zuhörerinnen fanden mich toll und hingen gebannt an meinen Lippen.

In Wirklichkeit jedoch interessierte sich niemand für meine Geschichten und ich hatte es insgesamt nicht leicht, mir in meiner Familie Gehör zu verschaffen. Keiner von uns hatte es in dieser Hinsicht leicht. Um also den Augenblick der mir zugewandten Aufmerksamkeit so effektiv wie möglich zu nutzen, hatte ich mir beigebracht, die Dinge auf den Punkt zu bringen, indem ich knapp und präzise formulierte und oftmals Nachmittage mit meinem erdachten Personal zusammengesessen, Argumente und Formulierungen in meinen Kopf hin- und hergewälzt und verdichtet. Wenn dann ein Thema zur Sprache kam, ähnlich jenem, über das ich schon so lange nachgedacht hatte – genau dieselben waren es leider nie  – warf ich mit dem Mut der Verzweifelten mein Bonmot in den Ring, wissend, dass es nicht unbedingt passte. Aber diesen Satz, an dem ich so lange herumgefeilt hatte und der in meinem Kopf in mindestens fünfzehn Varianten und Längen existierte – vierzehn dieser Möglichkeiten hatte ich verworfen, eine war Siegerin  – diesen Sieger-Satz also, in dem so viel Zeit und Arbeit steckte, den durfte ich einfach nicht verschlucken!

Ich erinnere mich, dass meine Eltern und Brüder auf derartige Äußerungen eher verärgert denn interessiert reagierten. Doch niemand nahm sich die Zeit, sich die ganze Vorgeschichte zu meinem – aus meiner Sicht – gelungenen Einwurf anzuhören und ich frage mich heute, ob ich es hätte erklären können, denn die dazu notwendigen Sätze hatte ich ja noch gar nicht „verdichtet“.

Es sind diese inneren Bilder, diese Dialoge und Gespräche, die mir heute beim Schreiben helfen. Ich gebe zu, dass ich gern übertreibe und die Dinge dramatisiere oder so aufbausche, dass sie manchmal ins Komische kippen, ins Absurde  – das Wichtigste ist für mich die Unterhaltung und es gibt nichts Schlimmeres als Langeweile. Wer behält schon eine Ansammlung heruntergebeteter Tatsachen im Kopf? In Erinnerung bleiben Anekdoten, Schrecknisse, plötzliche Wendungen, ungewöhnliche Verstrickungen.

Das ist auch der Hintergrund für mein Personal in Kleinöd. Alle von ihnen sind mir vertraut und ans Herz gewachsen. Ich rede mit ihnen. Einige von ihnen sind mir irgendwann in der U-Bahn oder in der Fußgängerzone über den Weg gelaufen, andere traf ich beim Spazierengehen, beim Radfahren, im Schwimmbad. Sie haben mir Gesprächsfetzen zukommen lassen und ich habe ihren Gesichtsausdruck und ihre Art, sich zu bewegen, als Anregung mit nach Hause genommen – und klar, auch ihre Geschichte, wobei das natürlich die Geschichte ist, auf die sie mich bringen und die nichts mit ihrem wirklichen Leben zu tun hat.

Früher schrieb ich Gedichte – einige von ihnen wurden von Udo Jürgens vertont. Aber ein Gedicht ist schnell fertig und besteht aus Regeln, die eingehalten werden müssen. Versmaß, Reimwörter, Rhythmus. Und kaum war es fertig, musste ich wieder ewig lange nach einer neuen ersten Zeile suchen. Die hielt ich dann fest, trug sie tagelang mit mir herum, ließ sie mir auf der Zunge zergehen, stellte Wörter um, übte unterschiedliche Betonungen, summte sie vor mich hin und endlich wuchs diese eine Zeile, zog eine zweite Zeile hinter sich her und das Gedicht war fertig – und ließ mich einsam zurück.

Mit Büchern ist das anders. Da bleibt das Personal bei mir und erhält die Chance, lebendig zu werden. Das hört sich leicht an, ist aber immer wieder so unendlich schwer. Wenn ich sie verlasse, meine Ilse Binder, die Langriegers, die Daxhubers, die Moosthenningers und wie sie alle heißen, werden sie aufmüpfig und geben nichts mehr von sich preis. Deshalb habe ich mir angewöhnt, mindestens zwei Seiten am Tag zu schreiben. Das versöhnt sie mit mir und sie lassen sich in ihre Karten schauen.

Eigentlich ist Kleinöd mein nach Niederbayern verpflanztes Heimatdorf.

In Kleinöd darf ich wieder das Kind sein, das die Erwachsenen beobachtet und die unglaublichsten Dinge in sie hineingeheimnist. Ich kann mich erinnern, dass ich als Vier- oder Fünfjährige meine Eltern fast angebetet habe, weil sie imstande waren, ein Buch aufzuschlagen, Geschichten zu erzählen und Worte zu benutzen, die sonst nicht zu ihrem Wortschatz gehörten. Ich war davon überzeugt, dass ihnen alles möglich sei. Nach meinem Verständnis hätten sie die Welt verändern können, aber sie taten es nicht.

Als ich an einem meiner ersten Schultage mal aufs Klo musste, stand vor dem Spiegel im Waschraum ein Mädchen, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, und kämmte sich.

Sie kam mir ungemein erwachsen vor und bar jeglichen Selbstzweifels. Großspurig tönte sie, dass sie nun in die Fabrik gehen und Geld verdienen wolle – und dann heiraten. Sie wusste wo’s lang ging, und für mich als Sechsjährige hintere der geschlossenen Klotüre war klar, dass sie das alles innerhalb von wenigen Wochen verwirklichen werde. Ein elfjähriger Junge verkündete in einer Schulhofecke seinen Freunden, dass er den ersehnten Elektrobaukasten zum Geburtstag bekommen habe und nun einen elektrischen Stuhl bauen wolle. Ich lauschte mit offenem Mund.

Das sind die Superfrauen und Supermänner meiner Erinnerung, die nun in Kleinöd ihren neuerlichen Auftritt haben.

3 Antworten auf Kurzporträt: Katharina Gerwens

  • T.Klinken sagt:

    Mir hat “Schürzenjäger” prima gefallen. Aber warum ist ein Ort hinter Coesfeld OSTWESTFALEN? Ich dachte immer, da wäre Westmünsterland. Und von Süden muß man garantiert nicht über Münster nach Dülmen fahren.

  • uta busch sagt:

    Hallo,

    wir haben schon vor längerer Zeit einmal korrespondiert, und wir haben über den Tod von Joseph Barth (José) geschrieben, der so schnell gestorben ist.
    Ich möchte jetzt im hiesigen Ortsanzeiger (Ismaning) eine nachträgliche Anzeige schalten lassen, weil er einfach so verschwunden ist. ER kannte ja viele Menschen hier.

    Könnten Sie mir bitte noch einmal sein Todesdatum mitteilen? Das wäre sehr freundlich.

    Mit besten Grüssen und Wünschen,
    Uta Busch

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